So langsam fühle ich mich wieder fast wie eine normale Mitarbeiterin in meiner Behörde. Nicht nur, daß ich neulich einen Gerichtstermin hatte, bei dem es um Steuern ging und ich so richtig mitreden konnte (verknackt wurden die beiden dann auch noch, wenn auch auf Bewährung), was mir einen echten Flash gegeben hat, vorgestern hatte ich das erste Mal seit langem wieder Bereitschaftsdienst. Es war allerdings "nur" die Tagesbereitschaft -auf Nachtbereitschaft bin ich ehrlich gesagt auch gar nicht so scharf gg-, und die bedeutet, daß einem an diesem Tag jeder anrufen kann, der den zuständigen Dezernenten nicht erreicht oder sich sonst nicht zu helfen weiß.
Der Tag ging sehr harmlos los, und ich hegte schon Hoffnungen, nach der Post noch eine dickere Akte vom Tisch zu bekommen. Den Vormittag über rief nur ein einziger an, der beklagte, daß sein Bruder von seiner Ex (also der des Bruders) zu einer Unterschrift gezwungen worden sei. Auf dem Weg zum Mittagessen wurde es dann aber mehr. Zunächst meldete sich ein Referendar aus einem Gerichtstermin mit der Frage, ob er der Einstellung eines Verfahrens zustimmen dürfte (das dürfen die noch nicht eigenmächtig entscheiden), dann einer, dessen Nachbar ihm angeblich Sondermüll auf das Grundstück gekippt hatte, und ich bin sicher, bei näherer Nachfrage hätte ich auch noch von weiteren Untaten der Nachbarn gehört, aber ich habe natürlich nicht nachgefragt...
Dann, direkt während des Essens, ein Anruf der Polizei, daß jemand festgenommen worden sei aufgrund mehrerer Diebstähle. Ich bat darum, nach der Mittagszeit noch einmal zu versuchen, die zuständige Dezernentin anzurufen und sich ansonsten wieder an mich zu wenden. Gegen 14 Uhr -ich frohlockte schon innerlich- rief er wieder an, keine zuständige Dezernentin in Sicht, also war ich dran. Inzwischen hatte sich herausgestellt, daß es nicht nur mehrere Diebstähle, sondern auch noch 4,1 g Heroin in einem Überraschungsei gab. Die Vorführung zum Haftrichter sollte eine Stunde später stattfinden, und ich hatte noch nicht eine Unterlage, um einen Haftbefehlsantrag zu schreiben. Aber immerhin trafen sie etwa 20 Minuten später per Fax ein, dabei noch die Anregung, die Durchsuchung zweier Wohnungen zu beantragen. Gut, daß ich schnell schreiben kann, um viertel vor drei ging alles per Fax zurück an die Polizeistation. Auf meinen Kontrollanruf dort erfuhr ich, daß man sich bereits zum Haftrichter begeben hatte, ohne meinen Antrag. Mein Kopf wollte sich gerade der Tischkante nähern, als der Haftrichter anrief, um zu fragen, ob ich das nicht auch alles an ihn faxen könnte. Klar konnte ich, ich war ja froh, daß doch noch jemand meinen grandiosen Antrag lesen wollte.
Ob derjenige nun in Haft gelandet ist oder nicht, habe ich dann allerdings nicht mehr mitbekommen, das werde ich hoffentlich morgen erfahren. Statt dessen führte ich die restliche Dienstzeit eine angeregte Diskussion mit unserer zuständigen Drogendezernentin, der ich die Sache aufgrund des Heroins zuschanzen wollte und die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, wegen so einer läppischen Drogenmenge eine Haftsache übernehmen zu müssen, das müßte ja wohl die Kollegin aus der allgemeinen Abteilung, da hier die Diebstähle im Vordergrund stünden. Sie hätte ja ganz andere Verfahren zu bearbeiten. Ich glaube, es gelang mir nicht, ihr letztlich klar zu machen, daß es mir völlig egal ist, wer sich nachher um den Herrn kümmern darf, ich werde es jedenfalls nicht sein, und daß ich eigentlich nur von ihr wissen wollte, ob alle, die irgendwie mit Drogen zu tun haben, bei ihr landen. Eine Antwort darauf habe ich leider auch nicht erhalten, aber ich stimme ihr zumindest insoweit zu, daß auch ich Verfahren ganz anderen Ausmaßes zu bearbeiten habe (aber trotzdem so etwas übernehme, wenn ich nun einmal dafür zuständig bin). Ich muß zugeben, daß ich morgen gerne Mäuschen spielen würde, wenn es um die Frage geht, wer den Fall denn nun endgültig bekommt.
Der restliche Tag verlief ruhig. Der Referendar rief noch einmal an, er klang übrigens sehr nett, und wir stellten beide bedauernd fest, daß dies seine letzte Sitzung an diesem Tag war und wir aller Voraussicht nach nicht mehr miteinander telefonieren würden. Meine dicke Akte habe ich leider nicht vom Tisch bekommen gg. Bin ich komisch, weil mir so etwas Spaß macht?
Sonst geht es uns gut. Manchmal treiben die Kinder mich in den Wahnsinn, insbesondere die Mittlere, die mit ihrem Temperament hier alles sprengt. Die Große veranstaltet auch gerne vorpubertären Zickenalarm, und der Kleine möchte eigentlich am liebsten nur auf dem Arm sein oder aber durch das Wohnzimmer kugeln, wobei er sich ständig irgendwo verkeilt und gerettet werden muß. Das ärgert ihn dann wieder, so daß er zum Trost auf den Arm muß. Immerhin ißt er jetzt ab und zu ein wenig Brei, viel weniger stillen tue ich ihn aber deswegen trotzdem nicht, er nimmt dann doch lieber beides.
Zu dem hat es mich tatsächlich heute zu einem Vorstellungsgespräch verschlagen, nachdem ich mich als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte für die Gerichte und Staatsanwaltschaften des Landes beworben hatte. Dort saßen mir 6 Leute gegenüber: Staatssekretär, Abteilungsleiter aus dem Ministerium, Referatsleiter aus dem Ministerium, Vertreterin des Hauptrichterrates, Vertreter des Hauptstaatsanwaltsrates und einer, von dem ich vergessen habe, was er eigentlich ist gg. Für diesen ganzen Aufmarsch dauerte es dann gerade mal eine Viertelstunde, aber das war wohl so geplant, die Gespräche schienen so getaktet zu sein. Mir kam es irrsinnig schnell vor, war es ja irgendwie auch.
Ich habe überhaupt kein Gefühl, wie es gelaufen ist, es wurde auch keine Andeutung gemacht. Ich sollte mich erst selbst vorstellen, dann wurden ein paar Fragen gestellt, insbesondere natürlich, weshalb ich denn gerne diesen Posten hätte und was ich dann so tun würde, wenn ich ihn bekomme. Ein bißchen wollten sie auch über mein Home-Office wissen. Aber ob das nun gut oder schlecht war, was ich so gesagt habe, kann ich nicht beurteilen. Es wurde nur sehr wenig nachgefragt, was sowohl positiv als auch negativ sein kann. Leider weiß ich nicht, wieviele Bewerbungen es insgesamt gab und auch nicht, wann ich eine Entscheidung hören werde, mir wurde nur gesagt, daß sie sich melden würden.
Na ja, so richtig rechnen tue ich nicht damit, daß sie mich nehmen, dazu habe ich wohl noch zu wenig Erfahrung in der Justiz. Aber es ist ja immer wieder interessant, und wer weiß, wozu es einem nochmal nützt, daß diejenigen einen kennengelernt haben.
Hach, war das mal schön bisher. Frank hatte am Montag und Dienstag Urlaub, und ich konnte einfach ganz normal ins Büro gehen, meinen Kram wegarbeiten, die Teerunde mitmachen, und überhaupt war es so wie immer. Gestern war ich sogar mal wieder zu einem Gerichtstermin los. Heute ist mein freier Tag, und morgen dann nochmal Büro, herrlich. Ich merke, daß ich diese Regelmäßigkeit doch ziemlich vermisse. So oft kann man auch gar nicht ins schwedische Möbelhaus gehen, um der Eintönigkeit zuhause Herr zu werden.
Ich habe mich jedenfalls durch 12 Kisten mit Asservaten gewühlt und darüber entschieden, jetzt ist mein Büro wieder schön leer. Vier der Kartons waren noch nicht mal aus einem meiner Verfahren, sondern aus einem uralten meiner Vorgänger, standen aber noch bei mir im Zimmer, also weg damit. Eine Anklage ist fast fertig geworden, der Rest folgt vermutlich heute abend, und lauter Kleinkram wurde erledigt. Schööön!
Man merkt, daß ich momentan zuviel Zeit habe, denn ich fange an, über Dinge nachzudenken, die eigentlich völlig unwichtig sind.
Aber dennoch frage ich mich:
-Weshalb im Restaurant eines schwedischen Möbelhauses in der Kinderecke immer haufenweise ältere Damen sitzen, die dann pikiert über den Lärm der Kinder die Nase rümpfen oder einen entrüstet anschauen, wenn man sein Baby dort stillt? Wohlgemerkt tun sie dies am liebsten, wenn die übrigen Plätze quasi alle frei sind.
- Weshalb Salat im Restaurants nie klein geschnitten wird, sondern immer so groß ist, daß einem die Salatblätter am Kinn herunterhängen? Das ist besonders lästig, wenn man wegen Baby auf dem Arm ohnehin nur mit einer Hand essen und den Salat nicht kleinschneiden kann.
-Weshalb Jacken für Babys immer Kapuzen haben? Das ist so unpraktisch, die knautschen sich nur hinter dem Kopf zusammen, und kein Baby braucht bei kalten Temperaturen eine Kapuze, man setzt ihnen doch ohnehin eine Mütze auf, weil die Kapuze nicht an den Ohren anliegt. Und mit drei Monaten laufen sie üblicherweise noch nicht durch den Regen und müßten vor Nässe geschützt werden.
-Weshalb unser ganzer Garten voller Krähen sitzt und ich mir vorkomme wie in Harry Potter 3? In der Menge finde ich die Viecher richtig bedrohlich.
Der arme Kleine war heute beim Impfen und ist ein wenig mißgelaunt. Die letzten Tage schien er außerdem einen Wachstumsschub zu haben und ist in Dauertrinken verfallen. Das wird jetzt aber zumindest besser, und er hat wieder einiges gelernt. Gestern ist es ihm beinahe gelungen, mir mein Latte macchiato-Glas aus der Hand zu schlagen, weil er blitzartig danach greifen wollte. Er weiß eben, was gut ist.
Und eine wirklich wichtige Frage stellt sich mir tatsächlich: Ich habe heute erfahren, daß ich für den Kleinen ab Februar 2012 einen Krippenplatz habe, dort wo auch die Mittlere ist. Mein Homeoffice ist aber nur bis September bewilligt. Tja, und nun? Jetzt fange ich erst einmal an nachzudenken und bin froh, daß ich das zumindest jetzt schon weiß und ein paar Monate Planungsvorschub habe.
Erwähnte ich schon mal, daß ich Sonntag Nachmittage liebe? Meistens haben wir den Tag über schon etwas unternommen, gegessen, und dann ist Zeit bis zum Abend, um es sich gemütlich zu machen.
So auch heute: wir waren erst auf der Phänomenta, was bei den Kindern Begeisterung hervorrief. Es ist aber auch zu schön dort, alles kann man ausprobieren, und selbst die Mittlere kann inzwischen dort schon allerlei der Experimente machen. Als wir fast da waren, kommentierte sie allerdings unsere Ansage, daß wir noch einen Parkplatz suchen müßten, mit den Worten "Oh gut, aber vorher muß ich mich noch am Po kratzen." Und ja, man kann vor Lachen auch fast aus dem Auto fallen.
Dann gab es Risi Bisi, und jetzt sind die Mädels zusammen mit Frank dabei, ein kompliziertes Gebilde aus Lego zu bauen, es soll wohl ein Kaufmannsladen sein. Aber natürlich nicht irgendeiner, sondern einer mit allen Schikanen. Der Kleine liegt neben mir in meiner Wiege und sieht ein wenig neidisch aus. Ich denke, er würde gerne mitmachen, aber da muß der Ärmste sich wohl noch ein wenig gedulden.
Überhaupt kehrt so langsam Alltag mit der Kinderschar ein. Leicht vorpubertäres Gezicke der Großen, Getrotze der Mittleren und ab und zu Gebrüll vom Kleinen, aber es ist alles irgendwie normal und ganz gut zu managen. Die Diskrepanzen zwischen den einzelnen Kindern sind eigentlich das erstaunlichste. Erst ein wenig Getüdel mit dem Kleinen, dann etliche Warum-Fragen der Mittleren, und schließlich unterhält man sich mit der Großen über das Rasieren der Beine (was sie noch nicht tut gg) oder ähnliche wichtige Themen.
Ganz zwischendurch bin ich dann auch mal erwachsen und arbeite oder unterrichte. Manchmal überlege ich, ob das alles ein Leben ist oder viele verschiedene. Aber es ist wohl nur eines mit ganz vielen Facetten, und ich liebe sie alle.
Das neue Jahr fängt hier mit strahlendem Sonnenschein an.
Es sind Plusgrade, und nach bereits mehreren Wochen Schnee und zweistelligen Minus-Temperaturen in den letzten Tagen erscheint es mir geradezu frühlingshaft. Von mir aus könnte der Schnee jetzt auch ganz verschwinden und den ersten Blumen Platz machen, aber da muß ich wohl doch noch ein wenig drauf warten.
Silvester haben wir hier ganz ruhig gefeiert. Die Große hatte eine Freundin da, und wir haben ein paar Spiele gespielt. Die Mittlere war ein wenig fiebrig, hat aber trotzdem bis 23 Uhr durchgehalten, bevor sie innerhalb von Sekunden endlich einschlief. Der Kleine war fast die ganze Zeit wach und hat zufrieden auf dem Sofa gelegen und uns bei allem zugeschaut. Um Mitternacht hat er sich auf meinem Arm das Feuerwerk angesehen (von drinnen natürlich gg), dann habe ich ihn gestillt, und danach ist er sofort eingeschlafen und hat sich bis heute morgen nicht mehr gerührt. Aber die Angst, etwas zu verpassen, war wohl zu groß.
Ich denke, es war ein gutes Jahr, das jetzt hinter uns liegt. Die Große ist in der neuen Schule angekommen und scheint sich dort sehr wohl zu fühlen. Sie schreibt weitgehend gute Zensuren und ist unglaublich selbständig geworden. Die Mittlere fegt durch unser Leben, erstaunt uns immer wieder mit ihren sprachlichen und anderen Fähigkeiten und ist dabei so liebevoll und charmant, daß es immer wieder erstaunlich ist. Sie ist mutig und kreativ, manchmal auch ein wenig zu wagemutig. Und dann der Kleine, der seinen Weg zu uns gefunden hat. Er ist da, als wäre er es schon immer gewesen, bisher lieb und geduldig und ganz neugierig auf das, was das Leben bei uns zu bieten hat.
Für mich selbst war es das Jahr, in dem ich mein viertes Kind bekommen habe. Nie hätte ich gedacht, daß es mal so viele werden gg. Die meiste Zeit war ich ja schwanger, aber das ist jetzt schon wieder fast vergessen. Es war auch das Jahr, in dem ich Beamtin auf Lebenszeit wurde, mein Gott wie spießig das klingt, aber für mich ist es ein Traumjob. Ich hatte mehrere spannende Fälle und Prozesse und hoffe, daß es so interessant weitergeht.
Es war allerdings auch das Jahr, in dem ich anfing, Äpfel in der Dusche unseres Gäste-WCs einzulagern, weil es der kühlste Ort im Haus ist. Besucher wissen also, worauf sie sich einstellen müssen gg.
Silvester habe ich noch alles erledigt, was an diesem Tag zu erledigen ist. Insbesondere war ich auch auf dem Friedhof, aber es war so zugeschneit, daß ich Adrians Grab regelrecht hätte freischaufeln müssen. So habe ich dann die Blumen einfach in den Schnee gesteckt, sah auch ganz hübsch aus. Ich kann es gar nicht glauben, daß es schon fünf Jahre her ist, daß er in mein Leben getreten ist.
Allen ein gutes Jahr 2011!